19.01.2020
Schneller als mir bewusst war verflog die Zeit, und obwohl es mir wie gestern vorkam, dass wir Sydney verlassen hatten, sah ich mich nun mit dem Tag konfrontiert, an dem ich meinen allerersten Skydive absolvieren würde – für einen Angsthasen und Vermeider von jeglichen adrenalinfördernden Aktivitäten ziemlich beängstigend. Den Abend davor gingen wir alle zusammen aus, nachdem wir in gemütlicher Runde im Hostel gesessen und getrunken hatten. Wir zogen von einer Bar in die nächste, landeten letztendlich im Club „Mama Africa“, wo wir zusammengefasst eine echt gute Zeit hatten. Für Smilla und mich stand am nächsten Morgen der Skydive an, die anderen drei hatten sich für einen Scenic-Flight über die Whitsundays entschieden. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr genau, was wir uns dabei dachten, jedoch tranken wir schon einen (oder vielleicht auch zwei) über den Durst und landeten erst gegen 5:00 Uhr Sonntagmorgens in unseren Betten: In jedem anderen Fall würden wir hier von einer guten Nacht sprechen, jedoch war davon kaum die Rede, angesichts der Tatsache, dass wir um 5:30 Uhr, also eine ganze halbe Stunde später, wieder aufstehen mussten. Wie Steine fielen wir ins Bett, und genauso fühlte sich mein Kopf an, als uns dann 30 Minuten später unsere hundert Wecker unbarmherzig aus dem Schlaf rissen. Für einen kurzen Moment überlegte ich sogar, mich einfach umzudrehen und im Bett zu bleiben – vielleicht war es das Ganze doch gar nicht wert. Zum Glück raffte ich mich dann aber doch auf, zog Smilla aus dem Bett und wir machten uns mehr tot als lebendig auf den Weg zum Treffpunkt, wo uns der Bus abholen würde. Um 6:00 Uhr befanden wir uns dann mit ein paar anderen im Bus auf dem Weg zur kleinen Flugbahn, über der wir dann in 15.000 Feet abspringen sollten. Die ganze Zeit über schlich sich dann doch ab und an die Angst und das unangenehme Ziehen in meine Magengrube, welches sich auch immer bei mir meldet, wenn ich vor irgendeiner wahnsinnig gefährlich aussehenden Freizeitparkskonstruktion stehe. Jedoch war ich viel zu sehr damit beschäftigt, gegen die bleiernde Müdigkeit sowie den immer wieder auftretenden Schwindel anzukämpfen (Kater lässt grüßen). Am Flugplatz angekommen, bekamen wir dickere, blaue Hosen über die dann unser Equipment geschnallt wurde.

Anschließend wurden wir unseren Tandempartnern vorgestellt – ich hatte einen größeren, netten Mann namens Agwa. Wir gingen gemeinsam den Ablauf durch, und er erklärte mir, wie ich mich beim Absprung verhalten sollte: Kopf in den Nacken an seine Schulter, und die Arme verschränkt vor den Körper halten. Während des Falls würde er mich dann antippen, und ich könnte dann meine Arme ausbreiten und einfach nur den Freefall genießen – „einfach“ klang das für mich in diesem Moment gar nicht, aber ich versuchte wie so einige andere, meine Nervosität wegzulachen. Er erzählte mir, dass er bereits 3.000 Sprünge hinter sich hat, und nichts passieren wird, und mit einem mulmigen Gefühl saßen Smilla und ich anschließend auf der Bank und warteten, dass unsere Gruppe drankam: Die Gruppe 1 war bereits hoch oben im kleinen Flieger, und wir waren als zweite Gruppe direkt im Anschluss an der Reihe. Als der Flieger dann wieder startklar an der Flugbahn auf uns wartete, machten Agwa und ich mit der GoPro noch ein paar Aufnahmen, er schnallte sich die Cam dann an seinen Arm und wir begaben uns in den Flieger.

Innen gab es zwei längliche Sitzreihen, und wir saßen alle ziemlich nah aneinandergequetscht zusammen und genossen die Aussicht auf die Berge, die Küsten/- und Strandabschnitte sowie das türkisblaue Wasser.

Während alles immer kleiner wurde, und wir langsam unseren Weg durch die ersten Wolken machten, überkam mich schlagartig nochmal die Angst. Was mache ich da gerade bitte? Ich schaute aus dem Fenster, mittlerweile waren wir sogar über den Wolken angekommen, und ich konnte nur noch vereinzelt Landabschnitte unter diesen ausmachen. Da sollte ich jetzt runter? Mit einem Mann, okay zugegebenerweise einem Profi, hinter mir, dem ich mein Leben in die Hand legen sollte? Bevor sich noch mehr Gedanken in meinem Kopf formen konnten, wurde auf einmal die breite Luke hochgezogen, und eine Seite des Fliegers war plötzlich offen, schlagartig bekamen wir Wind ins Gesicht. Bevor ich es realisierte, ging es auch schon los: Das erste Tandempaar saß am Rand auf dem Boden des Fliegers, und ehe ich zweimal blinzeln konnte, waren sie weg: Nachdem sie sich mit dem Kopf zuerst aus dem Flugzeug fallen ließen, erfasste sie der Gegenwind und sie waren nicht mehr zu sehen. Mit jedem Pärchen, dass da aus dem Flieger fiel, wuchs meine Nervosität und ich begann fast schon krampfartig tief und fest ein und auszuatmen. Da mein Tandempartner und ich das vorletzte Paar im Flieger ausmachten, sah ich fast alle anderen vor mir hinausfallen – was nicht gerade positiv zu meiner Nervosität beitrug. Smilla und ihre Partnerin waren auch vor mir dran, sie hatte auch ziemlich Magenflattern, und ich teilte in diesem Moment ihre ganze Anspannung, als sie da an der Kante saß – und dann war auch sie weg. Nun war ich an der Reihe. Wir rutschten auf unserer Sitzbank hin zu der Kante, und als wir uns da hinsetzten, und ich nach unten in die schwindelerregende Tiefe blickte, war wohl der Moment gekommen, in dem ich diese blöde Idee von mir am meisten verfluchte. Ich erinnere mich noch, die ganze Zeit „Oh God, oh God, oh God“ vor mich hingestammelt zu haben (was man auch auf dem Video hinterher sah: Ich sah aus wie ein nach Luft schnappender Fisch).
Und dann fielen wir. Das Gefühl, wenn du die ersten Sekunden fällst, ist wirklich unbeschreiblich. Für diese paar ersten Sekunden bist du befreit von jeglicher Gravitationskraft, es war ein komplett freier Fall ohne jeglichen spürbaren Gegenwind, wie in einem dieser Träume, die jeder schonmal irgendwann gehabt hatte.

Mein Herz raste wie verrückt, ich hatte noch nie zuvor so etwas gefühlt und erlebt. Dann, nach den ersten Sekunden, spürte ich den Wind mit voller Kraft, und war doch ziemlich froh über diese übergroße, etwas unschöne Brille, die mir Agwa vor dem Absprung gegeben hatte. Anfangs war ich zu Genüge damit beschäftigt, mich wieder zu sammeln (soweit meine momentane Lage dies erlaubte), und dann spürte ich schon ein Tippen an meinem Arm – das Signal. Ich breitete meine Arme aus, und sofort wurden sie durch den Gegenwind hochgedrückt. Nun war ich endlich dazu in der Lage, den Fall zu genießen und die Aussicht zu bewundern – es war unglaublich!

Landeinwärts befanden sich die Berge, welche sich länglich hinzogen, ich konnte die von hier aus kleinen Strandabschnitte ausmachen und seitlich glitzerte das Meer. In diesem Moment beschloss ich, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein würde, dass ich einen Fallschirmsprung gewagt hatte. Diese Location für den Sprung zu übertreffen, nun das wird definitiv eine Challenge für sich. Nachdem wir ein Stück im freien Fall hinter uns gebracht hatten, öffnete Agwa nun den Fallschirm, welcher sich zum Glück beinahe sofort öffnete, und nun glitten wir durch die Luft. Ab und zu zog er links oder rechts an dem Riemen, um uns Richtung Landebahn zu navigieren – er überließ mir sogar für eine kurze Zeit den Job und ich stellte fest, dass das Richtungswechseln, welches durch das Ziehen am Linken oder eben rechten Riemen bewirkt wurde, schwerer war als gedacht, und eine Menge Kraft erforderte.

Zog ich an dem rechten Riemen, flogen wir fast schon ruckartig nach rechts und waren für ein, zwei Sekunden gefühlt wieder im freien Fall in der Luft. Während wir ab und an wieder die Richtung wechselten, und hin und her schwangen, merkte ich, wie meine Übelkeit wieder hochkam – das ständige Schwingen begünstigte den Kater echt nicht, und ich merkte, wie der Restalkohol in mir raus wollte – um es mal gelinde auszudrücken. Kurz bevor wir landeten, wurde es dann ganz schlimm, und ich sagte Agwa Bescheid. „Hold on, we’re almost on the ground, you can do it!“, sagte er wiederholt und da begann auch schon unsere Landung. Ich riss mich nochmal zusammen, hob wie vor dem Flug durchgesprochen meine Beine gerade hoch, und er landete uns sicher auf dem Boden. Dann schnallte er mich auch schon ganz schnell ab, keine Sekunde zu früh: Ich lief zwei, drei Schritte zur Seite und da kam auch schon alles raus, was raus wollte (beziehungsweise eher musste).Danach drehte ich mich zu Smilla und den anderen um, die sich lachend zu mir umsahen und grinste: Es gingen echt alle entspannt damit um, und ich war anscheinend nicht die einzige, der das schon passierte (Außerdem war ich an dem Tag auch nicht die einzige, mit Smilla, die verkatert den Sprung antrat). Wir drehten mit der GoPro noch ein Video, und gerade als wir das Video beenden wollten, spürte ich ganz plötzlich nochmal die hochkommende Übelkeit. Ich drehte mich um, rannte ein paar Schritte und beugte mich runter zum Gras.
Im Nachhinein sah es auf dem Video ziemlich lustig aus, und auch wenn es nicht gerade die angenehmste Situation war, und garantiert nicht das war, was ich mir bei meinem allerersten Fallschirmsprung vorgestellt hatte, ist es doch eine lustige Erinnerung und generell ein unvergessliches Erlebnis geworden! Jetzt kann ich einen weiteren Punkt auf meiner Bucketlist abhaken, welche ich bereits vor Jahren erstellte: Der Fallschirmsprung in Australien, dazu noch bei einem der schönsten Orte dieses Kontinents!
Life’s good.